„Worte, die bewegen. Orte, die bleiben.“

Momentaufnahmen meiner Reisen

3. Tagesausflug

Zwischen Geschichte und Gegenwart: Ein Blick in den türkisch besetzten Teil Zyperns

Zypern – eine Insel, zwei Welten. Unser dritter Tagesausflug führte uns in eine Region, die auf keiner Postkarte zu sehen ist und doch zu den bewegendsten Erlebnissen unserer Reise zählte: der türkisch besetzte Norden der Insel. Eine geführte Tour, die nicht nur Orte zeigte, sondern tiefe Einblicke in eine ungelöste politische Tragödie gab – und die uns noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

Ein kurzer Blick zurück: Wie kam es zur Teilung?

Die Geschichte Zyperns ist geprägt von jahrhundertelanger Fremdherrschaft – von den Byzantinern, Osmanen, Briten – und schließlich vom inneren Konflikt zwischen den beiden größten Volksgruppen: Griechisch- und Türkisch-Zyprioten. Nach der Unabhängigkeit von Großbritannien 1960 kam es wiederholt zu Spannungen, Gewalt und Machtkämpfen.

Der entscheidende Wendepunkt war das Jahr 1974, als ein von der griechischen Militärjunta unterstützter Putsch gegen die Regierung Zyperns stattfand. Die Türkei reagierte mit einer militärischen Invasion, besetzte den Norden der Insel – offiziell zum Schutz der türkischen Minderheit.

Seither ist Zypern geteilt. Der Norden wird als “Türkische Republik Nordzypern” nur von der Türkei anerkannt, während der Süden zur international anerkannten Republik Zypern gehört. Eine UN-patrouillierte Pufferzone – die sogenannte Grüne Linie – trennt beide Teile bis heute.

Die Reise beginnt – mit Anspannung

Früh morgens verließen wir unser Hotel in Pafos, begleitet von einer griechisch-zypriotischen Reiseleiterin. Sie war freundlich, bestens informiert – aber sichtbar angespannt, je näher wir der Grenze kamen.

Kurz vor dem Übertritt in den Nordteil wandte sie sich an uns mit einer eindringlichen Bitte:

Stellt mir bitte nur Fragen zur Geschichte – keine Politik, keine Meinungen. Sollte ich mich kritisch äußern, kann es sein, dass ich bei der Rückfahrt an der Grenze festgenommen werde.“

Wenig später stieg an der Grenze eine „Aufpasserin“ aus dem Norden in unseren Bus. Keine Übersetzerin – ihre Aufgabe war klar: Sie sollte sicherstellen, dass unsere Reiseleiterin nichts „Unerwünschtes“ über die Besatzung oder die politische Lage sagt. Den ganzen Tag begleitete sie uns, hielt sich in unserer Nähe auf – und machte immer wieder heimlich Fotos von uns. Das Gefühl von Überwachung war spürbar.

Antike trifft Kontrolle: Salamis

Unser erster Halt: die beeindruckenden Ruinen der antiken Stadt Salamis, einst ein florierendes Zentrum des römischen Zyperns. Großartige Mosaike, ein gut erhaltenes Theater, beeindruckende Badeanlagen – Geschichte zum Anfassen.

Doch so eindrucksvoll der Ort auch war – der politische Kontext ließ sich nicht ausblenden. Die Schönheit der Antike stand in starkem Kontrast zur angespannten Gegenwart, in der wir uns bewegten.

Mittagessen in Famagusta – schwer verdaulich

Das Mittagessen fand in Famagusta statt, einer Stadt mit bewegter Vergangenheit. In den 1960er- und frühen 1970er-Jahren war Famagusta eines der bekanntesten Reiseziele des Mittelmeers – glamourös, weltoffen, international. Der Stadtteil Varosha war dabei das Herzstück: Luxushotels, Promenaden, Boutiquen, ein Mekka für den Tourismus.

Nach der Invasion 1974 wurde Varosha jedoch vollständig abgeriegelt – eine Geisterstadt, eingefroren im Zustand von damals. Jahrzehntelang war das Betreten verboten. Erst seit 2020 hat die türkische Seite Teile davon wieder für Besucher geöffnet – unter internationalem Protest.

Während wir in einem Lokal in Famagusta zu Mittag aßen – gegrilltes Fleisch, Salat, Pitabrot – schien die Normalität brüchig. Der Kontrast zwischen dem Alltag und der Geschichte war allgegenwärtig.



Varosha – Die Geisterstadt, die keiner vergisst

Am Nachmittag besuchten wir Varosha, die sogenannte Ghost Town. Was wir sahen, war erschütternd: zerfallene Hotels, verlassene Autos, eingeschlagene Fenster – ein Stadtteil, der seit 50 Jahren stillsteht.

Doch das Beunruhigendste war die Gegenwart: Nur wenige Meter vor dem Zaun liegen heute wieder Sonnenschirme am Strand. Touristen baden, machen Selfies – mit der zerbombten Skyline im Hintergrund. Urlaub neben einer offenen Wunde.

Die Stimmung war bedrückt. Viele von uns standen schweigend da, unfähig, diese widersprüchliche Realität einzuordnen.

Rückfahrt – mit schwerem Herzen

Auf der Rückfahrt war es still im Bus. Als wir die Grenze in den Süden überquerten, verließ die „Aufpasserin“ den Bus – und mit ihr ein Teil der Anspannung. Unsere Reiseleiterin war sichtlich erleichtert. Und wir waren tief bewegt von dem, was wir gesehen und gespürt hatten.

Ein Abschied – und ein politischer Einschnitt

Wir haben diese Tour am 31. August 2024 gemacht. Bei der Buchung wurde uns gesagt, dass es sich um die letzte geführte Gruppenreise in den türkisch besetzten Nordteil handelte.

Ab dem 1. September 2024 dürfen nur noch private Ausflüge mit dem eigenen PKW oder Mietwagen in den Norden unternommen werden. Der Grund: Die Türkei verdient nichts an den Gruppentouren, da diese ausschließlich von der griechisch-zypriotischen Seite organisiert werden. Die neue Regelung ist politisch motiviert – ein weiteres Zeichen dafür, wie fragil die Beziehungen zwischen den beiden Teilen der Insel sind.

Für uns war es eine Reise, wie es sie so wohl nicht mehr geben wird – ein Stück Zeitgeschichte, hautnah erlebt.

Fazit: Eine Tour, die bleibt

Dieser Tagesausflug war keine klassische Sightseeing-Tour. Er war eine intensive Auseinandersetzung mit Geschichte, Trauma, Gegenwart und Kontrolle. Wir haben Schönheit gesehen – aber auch Spaltung, Überwachung und Schweigen.

Zypern ist mehr als Strand und Sonne. Es ist ein Ort, an dem Geschichte noch lebt – oft leise, manchmal laut, aber immer eindrucksvoll.

Posted in , ,

Hinterlasse einen Kommentar